Advent – worum geht es?
Von Ray Walker

Mit dem 1. Advent beginnt das christliche Kalenderjahr und setzt sich fort durch Weihnachten, Epiphanie, Passionszeit, Heilige Woche, Ostern, Pfingsten und die gewöhnliche Zeit (Trinitatiszeit), bis hin zum krönenden Abschluss, dem Christkönigsfest.

Advent bedeutet „Ankunft“ oder „Kommen“, und es ist eine Zeit großer Erwartungen, weil sie der Erfüllung aller Verheißungen Gottes entgegensieht. Jede Woche im Advent hat ein Thema – die Themen sind Hoffnung, Frieden, Freude und Liebe. In der gesamten Adventszeit geht es vor allem um Hoffnung, die Hoffnung Israels auf die Erfüllung der Prophezeiungen und Verheißungen des Buches Jesaja, in dem es heißt, dass ein Kind geboren werden soll, das der Friedensfürst sein wird und einer notleidenden und verzweifelten Welt Frieden bringt.

Der Advent steht im Widerspruch zu unserer heutigen Welt, in der es kaum Frieden gibt – stattdessen ist diese Welt voller Kummer, Leid und Schmerzen. Für die Israeliten des Alten Testaments war es ähnlich: Sie warteten und sehnten sich nach Rettung, sie sahen sich Not und Verfolgung gegenüber, und wenn sie in Gefangenschaft waren, warteten sie auf die Befreiung, auf die Freiheit, Gott ungehindert dienen zu können. Wenn sie sich zu den Gottesdiensten versammelten, sehnten sie sich danach, dass die Prophezeiungen in Erfüllung gingen. Gott hatte ihnen versprochen, sie zu retten und einen Erlöser, den Messias, zu senden. Sie warteten jahrhundertelang auf sein Kommen und vertrauten darauf, dass Gott ihre große Erwartung erfüllen würde. Die lang erwartete Ankunft Jesu liegt nun mehr als 2000 Jahre zurück, was bedeutet, dass die Geburt, das Lebens, der Tod, die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu zeitlich hinter uns liegen. Doch so wie die Israeliten auf das Kommen des Messias warteten und warten, so warten auch wir wieder auf das, was noch vor uns liegt: sein zweites Kommen. So ist der Advent nicht so sehr ein Blick zurück, sondern ein Blick nach vorn, während wir warten und im Glauben wandeln.

In der Adventszeit warten wir voller Hoffnung und sehnen uns nach Frieden. Wir erfahren Gottes Liebe und sehnen uns immer mehr danach. Und wir bringen unsere Freude im Herrn zum Ausdruck, wie Paulus in Philipper 4,4 sagt: „Freut euch im Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“

Aber wie können wir das tun? Durch den Glauben. Die Augen des Glaubens sehen sowohl Freude als auch Traurigkeit, sie sehen Liebe und Leiden, das Böse, Herzschmerz und Gebrochenheit. Die Augen des Glaubens sehen den Frieden und sehnen sich nach dem Ende von Krieg und Gewalt. Sie sehen mit Hoffnung, weil sie wissen, dass der Erlöser einen Weg durch das Leiden gebahnt hat, dass unser Erlöser das Licht in der Dunkelheit ist.

Der Apostel Petrus sagt in 2. Petrus 3,13: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ Wir freuen uns also und warten auf die glorreiche und triumphale Wiederkunft unseres Herrn.

Fleming Rutledge, eine bekannte amerikanische Theologin, Gemeindepastorin und Autorin zahlreicher Bücher, spricht in ihrem Buch „Advent the Once and Future Coming of Jesus Christ“ (Advent – das einstige und zukünftige Kommen Jesu Christi) über den Advent als die einzige kirchliche Jahreszeit, die „über die Geschichte hinausblickt und die Wiederkunft Jesu Christi in Herrlichkeit erwartet, wenn er die Lebenden und die Toten richten wird“.

So nehmen wir in dieser Adventszeit erwartungsvoll am großen Warten teil, wir denken an unsere gemeinsame Geschichte mit denen, die uns vorausgegangen sind, und wir erzählen die Geschichte vom ersten Warten. Der Advent ist eine Zeit, in der wir das Warten und die Erwartung von Maria, Josef und den Weisen bei der ersten Weihnacht teilen, und wir erzählen und wiederholen diese Geschichte, weil wir uns dadurch sowohl mit diesem ersten Warten verbinden, als auch in der zweiten Erwartung auf die Wiederkunft unseres Herrn.

Die Zeit, in der wir leben, ist noch die Zeit des Feindes, aber die Zeit des Feindes wird nicht andauern – sein Ende ist gewiss, so wie der Sieg Christi über den Tod gewiss ist. Wir, die wir in der Mitte stehen, sind Zeugen des Sieges Gottes in Christus und Teilnehmer am Leiden Christi, damit wir an der Auferstehung teilhaben können. Wir warten mit großer Erwartung und Hoffnung. Auch wenn die Welt ein dunkler Ort zu sein scheint, warten wir nicht in völliger Dunkelheit, denn unser Herr ist das Licht der Welt, und wie die Wächter in Psalm 130,6, die auf den Morgen, auf die Morgendämmerung warten, stehen wir am Horizont – wir sehen das Licht kommen, aber wir warten. Wir warten darauf, dass die Sonne durch den dunklen Himmel bricht.

Betrachten Sie diese Worte aus Jesaja 9,1.5-6:

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

Und so warten wir darauf, dass Gott handelt, in großer Erwartung, wie uns diese Adventszeit lehrt, und wir warten, weil er, der es versprochen hat, treu ist. Alles, was wir tun müssen, ist im Glauben zu warten und zu sehen!


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