Als die Zeit erfüllt war …
Von Neil Earle

Die Geschichte hinter der Geschichte
Adolf von Harnack (1851 - 1930) war einer der herausragendsten Gelehrten seiner Zeit und Lehrer von Karl Barth, dem berühmten Theologen aus dem 20. Jahrhundert. Seine Arbeit The Mission and Expansion of Christianity [dt: Die Mission und Ausbreitung des Christentums] von 1905 wird als die konkreteste historische Beschreibung der spirituellen Kraft des frühen Glaubens bezeichnet, die je veröffentlicht wurde.

Harnack war in der Lage, klar und deutlich die historischen Bedingungen zu vermitteln, welche die Welt des ersten Jahrhunderts auf die Verbreitung des christlichen Evangeliums vorbereiteten. Diese nahmen in einem winzigen Ort in Judäa ihren Anfang. Es gelang ihm, das Gefühl für die göttliche Gunst der Stunde hinsichtlich des Erscheinens des jüdischen Messias und christlichen Herrn einzufangen, was der Apostel Paulus mit den Worten „als die Zeit erfüllt war“ (Gal 4,4) umschrieb.

Andere Kirchenhistoriker nahmen Bezug auf Harnacks klare, für Schüler bestens geeignete Vortragsweise. Nachfolgend eine Wiedergabe der von Harnack aufgezeigten Hintergründe, die er als göttliche Vorsehung sich vollziehend in der Geschichte erkannte:

1. Die Einheitlichkeit von Sprache und Anschauungen
William Barclay schrieb: „Ließ man einen Mann von Großbritannien westwärts über Spanien bis an die Grenzen Kleinasiens im Osten reisen; wohin er auch ging, er befand sich stets im Römischen Reich. Es gab keine Grenzen; man benötigte keine Reisepässe ... Es gab nur eine Welt. Kein Mensch hätte das Römische Reich verlassen können, wenn man es versucht hätte“ (Barclay, Ambassador for Christ [dt: Botschafter für Christus], Seite 32-33). Das Evangelium hatte „freie Fahrt“ (2. Thess 3,1).

2. Internationales Reisen war noch nie so einfach
Es heißt immer noch „Alle Straßen führen nach Rom“ und es schien, sie seien für die Ewigkeit gebaut worden. Einige gibt es bis heute. Auch die Seewege waren sicher. Weniger als hundert Jahre zuvor waren Räuber und Piraten auf Befehl Roms vernichtet worden. Paulus und die frühe Kirche benutzten diese Wege und Straßen. Lukas, sein Gefährte, beschrieb in Apostelgeschichte 27 eine mühevolle Seereise und den Empfang durch die Christen auf der Via Appia (Apg 28,15).

3. Es herrschte Frieden im Römischen Reich
Gut bekannt ist der Ausdruck „Pax Romana“ – der römische Frieden. Das machte es viel einfacher, die Botschaft über die großen Ereignis se, die in Bethlehem, auf Golgatha und zu Pfingsten in Jerusalem stattfanden, über große Entfernungen zu verbreiten, ja sogar über die Grenzen des Römischen Reiches hinaus.

4. Dies alles führte zu dem, was Harnack „Die praktische und theoretische Überzeugung von der wesentlichen Einheit des Menschengeschlechts“ nannte. Die Römer hatten die Vorzüge des römischen Bürgerrechtes auf einen Großteil des Reiches ausgedehnt und Paulus konnte diese Trumpfkarte mehr als einmal ausspielen (Apg 25,11). Die Nachricht von „ der Einheit in Christus“ (Gal 3,28) war somit leichter vermittelbar.

5. Es entstand ein Sinn für die angeborene Gleichheit von Männern und Frauen. Nach Plato verbreitete sich der Stoizismus, eine populäre römische Philosophie, die von Führern wie Cicero und anderen vertreten wurde (Apg 17,18). Diese lehrte – trotz vieler Irrtümer –, dass es in allen Menschen einen göttlichen Funken gibt, den man ansprechen konnte, woraus sich ergab, dass mehr existiert als die physische Welt. Insgesamt wurden Frauen und Sklaven trotz der Grausamkeit in jener Zeit immer mehr geschätzt. Eine der frühen Nachfolgerinnen war eine gläubige jüdische Frau, die ein eigenes Geschäft betrieb (Apg 16,14). Die befreiende Botschaft von Christus, der Frauen als seine besten Nachfolger einsetzte (Mk 14,3-9), passt zu dieser sich ausbreitenden Geisteshaltung. Missionare wie Paulus nutzten diese revolutionären sozialen Ideen als Brücken zu „dem Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist“ (Apg 17,24).

6. In den Seelen von Männern und Frauen brannte ein Hunger nach Erlösung. Die Ansichten von Plato und Sokrates hatten den Glauben an das alte System von Göttern und Göttinnen untergraben – Zeus schleuderte Blitze und schwängerte junge Mädchen. Im völligen Gegensatz hierzu hatten wissenschaftliche Fortschritte, die in Alexandria gemacht wurden, mit Archimedes, Euklid und Eratosthenes ihre beste Zeit hinter sich gelassen. Selbst bei den technologischen Fortschritten jener Zeit geriet die wissenschaftliche Kreativität in eine Sackgasse. In der Zeit als Jesus und Paulus lebten, erwies sich die „Sorge um die Seele“ immer mehr als ein Weg, die unergründlichen Probleme einer grausamen und irrationalen Welt anzusprechen. Das Christentum war bereit, diesem Bedürfnis und allen anderen zuzuwenden (Joh 7,37-39). Doch es gab auch Gegnerschaft.

7. Die östlichen Mysterienkulte, die ins Römische Reich strömten, beinhalteten viel falsche Spekulationen, aber auch die Absicht, dass Religion eine Person verändern sollte. Der beliebteste Kult in der römischen Armee war die Taufe in einer Grube mit dem Blut, das aus einem ausgeweideten Stier austrat, der kopfüber auf ein Gitter gespannt war. Die christliche Taufe nach dem Beispiel Jesu konnte dieses Verlangen nach einem Neuanfang ohne die abscheulichen Begleitumstände befriedigen (Mt 3,13-17). Es ist dieser letzte Punkt über die inneren Umstände und Nöte, die tief im Inneren der Menschen zerrten, der die Zusammenfassung Harnacks so beeindruckend macht. Er schrieb dazu: „Seele, Gott, Erkenntnis, Entsühnung, Askese, Erlösung, ewiges Leben [...]: das sind die erhabenen Gedanken, die lebendig und eine Macht waren“ (Harnack, Seite 33).

Gott schreibt Geschichte
Es begab sich aber zu der Zeit“, so die wohlgesetzten Worte der Luther-Übersetzung, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Der Kaiser dachte, er hätte die Macht, aber er hatte sie nicht wirklich. Wie so viele Welteroberer, betete er seinen eigenen Ruhm an. Sie sind nicht selten ein Werkzeug in den Händen des großen Gottes (Jes 10,12, Spr 21,1).

Durch das Aufzählen der grundlegenden Ereignisse ist leicht zu erkennen, wie sehr Gott die Kontrolle über diesen Abschnitt der Weltgeschichte ausgeübt hat.

  • Jesus musste in Bethlehem geboren werden, daher erließt ein römischer Kaiser ein Steuergesetz (Mi 5,1).
  • Es war prophezeit worden, dass Nichtjuden ihn nach seiner Geburt aufsuchen und ihm die Ehre erweisen würden (Ps 72,10). Ein Stern war im Osten des Römischen Reiches erschienen, was die Weisen veranlasste, „dem Stern dort droben“ zu folgen, der sie ins „Westland“ führte (Mt 2,2). Es war prophezeit worden, dass der Messias der Juden ein Zeichen der Hoffnung für alle Völker sein würde (Jes 49,6).
  • Der Messias würde wie das Volk Israel aus Ägypten gerufen und so flohen Jesu Eltern dorthin, um ihn vor dem mörderischen König in Sicherheit zu bringen, der alle Kleinkinder töten ließ (Mt 2,13-15).
  • Sein Kommen als Messias machte seine Geburt nach physischen Maßstäben außergewöhnlich und wurde begleitet durch übernatürliche Eingriffe, von denen einer von Christen als Jungfrauengeburt bezeichnet wird (Jes 7,14).
  • Das Auftreten des Messias würde umstritten sein und viel Feindseligkeit von seinem Volk auf sich ziehen. Er würde der Stein sein, den die Bauleute verwerfen (Ps 118,22). Der König seines Heimatlandes Judäa versuchte, ihn in den ersten Jahren nach seiner Geburt zu töten (Mt 2,16).
  • Das Baby in Bethlehem kam unter bescheidenen Verhältnissen unter einfachen Menschen vom Lande auf die Welt. Sein Kommen sollte eine besonders gute Nachricht für die Armen sein, die Ausgeschlossenen, die Geringen, die Verlorenen, die Geringsten (Jes 57,15). Daher wurde Jesus als Heiland zuerst den Hirten bei den Schafhürden verkündet, Männern, die von den religiösen Autoritäten in Jerusalem als unrein betrachtet wurden (Lk 2,8-20).
Alles in allem ist es eine großartige Geschichte. Die Ereignisse beim ersten Kommen Jesu bieten ermutigende Beweise dafür, dass Gott die Kontrolle über die Geschichte und unser eigenes Leben ausübt. „Gott schreibt Geschichte“, hat jemand gesagt. Das ist eine gute Nachricht zu jeder Zeit des Jahres. ❏


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