Die Prophezeiungen Jesu in Matthäus 24
Von Neil Earle

Die prophetischen Aussagen Jesu in Matthäus 24 gehören zu den spannendsten Kapiteln der Bibel. Seine eindringlichen Warnungen vor Verführung, Kriegen, Hungersnöten, Seuchen und Erdbeben werden oft als Warnungen bevorstehender Ereignisse angesehen, die unmittelbar vor der sichtbaren, leibhaftigen Wiederkunft Jesu Christi geschehen werden. Schließlich hatten die Jünger ihn doch direkt gefragt: „Sag uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt [Zeitalters]?“ (Mt 24,3).

Ist dieses Kapitel – wie ich und andere zu glauben und zu lehren pflegten – eine unumstößliche Schritt-für-Schritt-Vorhersage der Zeichen, die vor der dramatischen und sichtbaren Wiederkunft des Herrn zu erwarten sind? Oder gibt es eine andere Sichtweise, die uns zu einem solideren Verständnis der Prophezeiungen führen kann?

„Reisewarnungen“
Bedenken Sie: Jesus selbst war sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, Zeichen zu geben. Das können Sie in Matthäus 16,1-5 sehen. Einige Stellen in Matthäus 24 zeigen, wie er seine Jünger vor der Festlegung von Daten warnt. In Matthäus 24,36 wird Jesus mit den Worten zitiert, dass niemand den Tag oder die Stunde seiner Wiederkunft kennt. Andererseits heißt es in Matthäus 24,3: „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles erfüllt ist.“

Lassen Sie uns also ein wenig in die Vergangenheit zurückgehen und die Umstände jener Zeit ansehen. Die folgende Auflistung bietet eine rasche Übersicht. Das Matthäus-Evangelium ist das am sorgfältigsten gegliederte Evangelium, und dieses Kapitel ist daher keine Ausnahme: Matthäus 24,3: Die einleitende Frage: „Wann werden diese Dinge geschehen?“ Matthäus 24,4-7: Die ersten Zeichen Matthäus 24,8: Unterbrechung und zusammenfassender Kommentar Matthäus 24,9-14: Warnungen/Anweisungen für die Kirche Matthäus 24,15-25: Warnungen für das Judentum des ersten Jahrhunderts Matthäus 24,26-28: Weitere Warnungen vor Verführung Matthäus 24,29-31: Himmlische Zeichen Matthäus 24,32 – 25,1-46: Gleichnisse und Warnungen, die für das christliche Leben wichtig sind

Beachten Sie, dass Matthäus 24 weitergeht und Matthäus 25 einschließt, das zu einer direkten persönlichen Anwendung einer Lebensweise hinführt, nach der Christen ihr Leben ausrichten sollen, während sie auf die Wiederkunft ihres Meisters warten. Das zeigt also, dass Jesus nicht wirklich erwartete, dass alles abgeschlossen ist – die Kirche wird eine Zukunft haben und Christen haben in dieser Welt eine Aufgabe.

In der Tat legt Jesus genauso viel Wert auf den Zustand und die Verfassung der Kirche und seiner Jünger wie auf alles andere. Das wird oft übersehen. Gerade diese Komplexität mag ein Grund dafür sein, dass jeder „Experte“ für Prophezeiungen bei dem Versuch, die Wiederkunft Christi vorherzusagen, versagt hat.

Mit diesen Warnungen im Hinterkopf geht es also los.

I. Fragen zum Vorwort
Es ist deutlich, dass hier drei Fragen gestellt werden: Wann wird der Tempel zerstört werden? Was wird das Zeichen deines Kommens sein? Wann wird das Ende des Zeitalters sein? Das Wort am Ende des Verses ist „Zeitalter“ (aionis) und nicht „Welt“ wie in vielen Übersetzungen steht. Dies ist ein sehr aufschlussreicher Punkt.

II. Die ersten Zeichen
Die scheinbar einfache, geradlinige Lesart des Textes, nach der Jesus eine Reihe von chronologischen Zeichen gibt – Verführung, Kriege, Erdbeben – wird durch Matthäus 24,8 leicht infrage gestellt. Dieser Vers unterbricht den Fluss der Erzählung. Jesus wirft hier ein, dass diese Zeichen nicht endgültig und den Weltuntergang beschreibend sind, sondern der Anfang von großen Umwälzungen.

Erdbeben, Kriege und Hungersnöte sind in der Tat Teil unserer Abendnachrichten. Auch im ersten Jahrhundert gab es sie. In der Stadt Antiochia, wo der Name „christlich“ entstand, gab es Erdbeben in den Jahren 37, 42 und 115 und Hungersnöte in den Jahren 46 und 47 nach Christus. Diese Dinge gelten als allgemeine Umstände und nicht als spezifische Ereignisse. Jesus ist hier also vorsichtig, denn er weiß, wie versessen die Menschen auf „Zeichen und Wunder“ sind.

III. Unterbrechung und Zusammenfassung
Die Unterbrechung zwischen den Versen 7 und 9 sollte uns zeigen, wie vorsichtig wir an dieses Kapitel herangehen müssen. Es ist unvernünftig, diese herzustellen …

IV. Warnungen an die Kirche
Dies ist der Abschnitt Matthäus 24,9-14. „Ihr werdet verfolgt, getötet und verraten werden“, warnte Jesus. „Haltet durch – viele werden es nicht tun. Dieses Evangelium vom Reich Gottes wird in die ganze Welt hinausgehen. Dann wird das Ende kommen.“ Diese Worte sind vielen von uns vertraut.

Gab es diese nüchternen Warnungen? Auf jeden Fall. Jakobus, der Bruder von Johannes, starb früh in der Kirchengeschichte (Apg 12,1). Die Leiden des Paulus sind legendär. Petrus ermahnte seine Anhänger, standhaft zu bleiben, ebenso taten es Judas und Johannes. Aber ging das Evangelium im ersten Jahrhundert in die ganze Welt hinaus? Ja. Lesen Sie Römer 11,18: „Aber ich frage euch: Haben sie denn nicht gehört? Natürlich haben sie es gehört: Ihre Stimme ist in die ganze Welt hinausgegangen, ihre Worte bis an die Enden der Welt. Wie geschrieben steht: ‚Wie schön sind die Füße derer, die gute Nachrichten bringen‘“ (Jes 52,7).

Aber das „Ende“, von dem die Prophetenprediger sprechen, kam nicht im Jahr 95 oder 98 oder 99 nach Christus. Welches „Ende“ hatte Jesus im Sinn? Es war das Ende jenes Zeitalters, der ersten Periode der Verkündigung des Evangeliums. Der nächste Abschnitt zeigt uns das sehr deutlich.

V. „Der Aufstand von Jerusalem“
Matthäus 24,15-25 ist ein Themenblock, der sich mit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. befasst. Jesus zitiert die berühmte Daniel-Prophezeiung vom „Gräuel der Verwüstung“, ein Ereignis, das orthodoxe Juden von Hanukkah kennen – einem Fest zum Gedenken an die Befreiung und Reinigung des Tempels im Jahr 160 v. Chr. nach dessen Schändung (Dan 11,31). Diese seltsame Formulierung „Gräuel der Verwüstung“ hatte damals für jüdische Zuhörer die Bedeutung wie wir sie heute von „Hiroshima“ oder „9/11“ haben.

Jesus rät seinen Zuhörern, Jerusalem zu verlassen. Ein Ereignis wie das von 165 v. Chr. wird sich wiederholen. Die totale Auslöschung der Stadt stand unmittelbar bevor. Dieses Ereignis widerfuhr den Juden durch den römischen Feldherrn Titus. Das Gemetzel war selbst nach heutigen Maßstäben grausam. Der Tempel wurde geschändet und die Römer machten die Stadt dem Erdboden gleich. Jesus hatte dies bereits angedeutet, als er in Lukas 19,41 über Jerusalem weinte. Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben, sagte er damals und zeigte damit, dass er die Zerstörung der Stadt im Blick hatte. Siehe auch Lukas 23,26-31.

„Eine Zeit der Not, wie es sie nie gegeben hat oder geben wird?“ Was wäre, wenn dies auf einen zukünftigen Holocaust hinweisen würde? Denken Sie daran, dass die Propheten üblicherweise stark übertriebene Formulierungen verwendeten, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Das war eines ihrer „Handwerkszeuge“ (Joel 4,14; 2. Kön 21,13). Aber hier hat Jesus nicht übertrieben, als er sagte, es werde eine Zeit sein, die mit keiner anderen vergleichbar sei. Der jüdische Schriftsteller Josephus beschreibt das Leiden des Volkes in dieser Zeit, in der über eine Million Menschen gestorben sein könnten. Eusebius, der christliche Bischof von Caesarea (um 325 n. Chr.), bestätigte dies und berichtete, dass die Christen Jerusalem verließen, bevor Titus eintraf, wovor Jesus gewarnt hatte.

Eusebius erwähnt auch die seltsamen und unheimlichen Propheten und heiligen Männer, die vor 70 n. Chr. auftraten, bis hin zu seltsamen Zeichen am Himmel, wie einem Stern in Form eines Schwertes, der über der Stadt schwebte.

Eusebius und die frühe christliche Kirche sahen all dies als Erfüllung der Worte Jesu in Matthäus 24 (Ecclesiastical History [Kirchengeschichte], Kapitel VII, VIII).

Es war wirklich das „Ende“ – fast das Ende des Judentums und das Ende der jüdischen Kontrolle über Jerusalem für fast 1900 Jahre.

VI. Mehr Verführung
Der nächste Abschnitt, Matthäus 24,26-28, ist ein weiterer Hinweis auf die Verführung, die in den Tagen vor dem Fall des Zweiten Tempels sehr verbreitet war. Josephus berichtet, dass die Zeloten, die den Aufstand gegen Rom anführten, die Menschen zu heiligem Eifer anstachelten, da der Messias den Tempel nicht fallen lassen würde. Aber sie irrten sich. Der Messias, Jesus, war bereits erschienen, um prophetisch über die Stadt zu weinen, da er ihr Schicksal kannte (Lk 19,41-44).

Unglaublicherweise rebellierten jüdische Radikale auch nach der totalen Verwüstung von 70 n. Chr. in den Jahren 132-135 erneut unter einem anderen falschen Messias namens Bar Kochba. Nachdem die Römer die Stadt zerstört hatten, wurden die Juden für fast 2000 Jahre vertrieben.

VII. Himmlische Zeichen
Matthäus 24,29 beschreibt ein Bild von einer verfinsterten Sonne und einem verfinsterten Mond, von Sternen, die vom Himmel fallen, und sogar von Astralkörpern, die aus ihren Bahnen wandern. Obwohl sich viele Ausleger beeilt haben, diese Ereignisse als notwendigerweise in der Zukunft liegend zu verkünden, kann die Betonung von Matthäus immer noch zu der Zeit passen, die er gerade beschrieben hat: „Unmittelbar nach der Bedrängnis dieser Tage („Trübsal“ laut Schlachter 1951).“ Matthäus 24,34 spielt eindeutig auf „dieses Geschlecht“ („diese Generation“ laut GNÜ) an. Aber wann fielen in der Generation des ersten Jahrhunderts Sterne vom Himmel? Hier ist eine bessere Kenntnis der Art und Weise, wie die biblischen Propheten sprachen, schrieben und ihre Arbeit verrichteten, von unschätzbarem Wert.

In Matthäus 24,29 zitiert Jesus als Prophet Vorgänger wie Hesekiel 32,7, Joel 2,10, Amos 8,9 und andere. R.T. France erklärt dies wie folgt: „Während diese Sprache als Vorahnung einer endgültigen kosmischen Auflösung verstanden werden kann, bezieht sie sich unmittelbar auf den Fall politischer Mächte. Eine ähnliche Sprache wird andernorts für Gottes Gericht über Städte und Nationen in der Geschichte verwendet. Wenn eine solch hochdramatische Sprache für den Fall heidnischer Nationen wie Babylon angemessen ist, ist sie sicherlich noch besser für die Zerstörung Jerusalems geeignet, mit all den bedeutsamen Auswirkungen, die das für den Status und das Schicksal des Volkes Gottes haben muss“ (Matthäus: Tyndale Commentary, Seiten 343-344).

Die Propheten benutzten aufregende, bildintensive, „überzogene“ Worte und Bilder, um etwas zu sagen und die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer zu erhalten. Übertriebene Sprache war ihr Handwerkszeug, das, was wir heute als „Spezialeffekte“ bezeichnen würden (Ps 6,6). R.T. France und andere Kommentatoren sind der Meinung, dass Jesus dieses prophetische Mittel hier verwendet. Die Verse 29-31 bestehen aus einer Collage alttestamentlicher apokalyptischer Sprache, die für moderne Ohren wie eine Beschreibung des „Weltuntergangs“ [Ende des Zeitalters] (d. h. des zweiten Teils der Frage in Vers 3) klingt. Doch die so beschriebenen Ereignisse werden ausdrücklich auf „diese Generation“ datiert (Matthäus, Seite 343).

Bei der Lektüre von Matthäus 24,30-31 muss man also mit einem Ohr auf die alttestamentlichen Propheten hören. Eine genaue und sorgfältige Lektüre birgt einige unerwartete Überraschungen.

Der Menschensohn/Der Alte der Tage
Das lebendige Wortbild vom „Menschensohn, der auf den Wolken des Himmels kommt“, wird weithin als der klarste Beweis dafür angeführt, dass Matthäus 24 als eine Endzeitprophezeiung für die vor uns liegenden Tage zu verstehen ist. N.T. Wright und andere Lehrer des Neuen Testaments sind jedoch der Auffassung, dass die Stelle nichts dergleichen aussagt. Der Verweis in Matthäus 24,30 stammt aus Daniel 7,13-14. Was dort eindeutig dargestellt wird, ist nicht die Wiederkunft des Menschensohns auf die Erde zum feurigen Gericht. Vielmehr ist es der Menschensohn, der von dem Alten der Tage seine endgültige Rechtfertigung erhält. Der Schauplatz ist der Himmel, nicht die Erde.

Professor T.W. Manson fügt hinzu: „Es kann nicht genug betont werden, dass das, was Daniel schildert, nicht eine göttliche [Gestalt] ist, die vom Himmel herabsteigt, um Erlösung zu bringen, sondern eine menschliche Gestalt, die in den Himmel aufsteigt, um sie zu empfangen“, sagt John A. T. Robinson in Jesus and His Coming (Jesus und sein Kommen). Hier geht es um das, was Christen als Himmelfahrt bezeichnen (Eph 1,15-22), die endgültige Bestätigung dessen, wer Jesus als göttlicher Prophet und Priester war. Jesus bekräftigte seine Identität gegenüber dem Hohepriester mit diesen Worten: „Ihr werdet den Menschensohn zur Rechten des Mächtigen sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen“ (Mk 14,62).

Sie wussten, was er meinte und was er behauptete! Genau dann und dort!

Matthäus 24,30 spricht also eher von der Rückkehr Jesu zu seinem Vater nach seiner Auferstehung, um „ein Königtum zu empfangen“ (Lk 19,12) – ein Kommen zu Gott und nicht ein Kommen zur Erde!

Nun zurück zu unserem Kapitel. Vom Himmel aus, zur Rechten Gottes, lenkt Jesus seine aus Menschen aller Nationen bestehende Kirche. Das ergibt einen Sinn für die farbenprächtige, aber rätselhafte „Versammlung der Auserwählten“ von den vier Winden (Mt 24,31). R.T. France drückt es schön aus, indem er die Symbolik durchschaut: „Das ‚Volk des Menschensohns‘ sind nicht mehr nur die Angehörigen der Nationen, sondern ein auserwählter Überrest, der aus allen Himmelrichtungen der Erde stammt. Der Hinweis ist auf das weltweite Wachstum der Kirche, das [die Folge] des Endes der Sonderstellung Israels ist, was durch die Zerstörung des Tempels symbolisiert wird“ (Seite 345).

Wieder einmal hat uns die „Vision auf dem Berg“ in die Kirche des ersten Jahrhunderts zurückgeführt, zu den weitsichtigen Worten Jesu auf dem Ölberg, zum Ende des Tempelsystems und zum entscheidenden Beginn der Kirche als Hauptakteurin in Gottes Plan zur Versöhnung aller Völker.

Mit anderen Worten, wenn man Matthäus 24 von einem Großteil seiner Symbolik und alttestamentlichen Anspielungen befreit, ist es ein zentrales Thema des Neuen Testaments: Die Kirche als Überbringerin der Verheißungen Gottes an alle Völker. Der Schlüssel zur Prophezeiung ist das, was zwischen Jesus und seiner Kirche geschieht. Ein neues Zeitalter ist angebrochen. Manche nennen es das Kirchenzeitalter, bevor das Reich Gottes anbricht.

VIII. Anweisungen an die Kirche
Diese Schlussfolgerung scheint durch eine Reihe von Gleichnissen für die Kirche bestätigt zu werden – schlaft nicht ein, arbeitet weiter an der Verkündigung und erweist Barmherzigkeit gegenüber allen, denen ihr begegnet. Schließlich ist Matthäus 25 der Abschluss von Matthäus 24, auch wenn das nur wenige bemerken. Die erstaunlichen Aussagen in Matthäus 24 zeigen, dass Jesus auch ein Prophet war. Die frühe Kirche hatte keinen Zweifel an der Erfüllung im ersten Jahrhundert. So schrieb Eusebius (um 350): „Zu diesen Berichten ist es vielleicht angebracht, die Vorhersagen unseres Erlösers hinzuzufügen, dass es eine große Bedrängnis geben wird. All dies geschah auf diese Weise im zweiten Jahr der Herrschaft Vespasians [70 n. Chr.] gemäß den Vorhersagen unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, der durch seine göttliche Macht all diese Dinge voraussah, die bereits in jener Zeit geschehen sind“ (Buch II, Kapitel VII).

Jesus war auch Prophet. Er kommt wieder, wie er gesagt hat, um das Chaos zu beenden, das wir Menschen angerichtet haben, und um diejenigen zu retten, die auf ihn vertrauen. Das ist ein Teil der guten Nachricht in den sehr spannenden Worten, die als Matthäus 24 bekannt sind.


© Stiftung WKG in Deutschland