Das große Bild

Von Santiago Lange

Als Michelangelo 1507 von Papst Julius II. den Auftrag erhielt, die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen, nahm er nicht sofort den Pinsel in die Hand und fing an zu malen. Er arbeitete monatelang an Hunderten von Skizzen, Farbkombinationen und Motiven, bevor er überhaupt begann, ein Gerüst aufzustellen. Michelangelo malte von 1508 bis 1512 auf dem Rücken liegend und arbeitete akribisch an jedem Detail, bis die Kapelle schließlich komplett ausgemalt war.

Es wird erzählt, dass Michelangelo eines Tages in einer dunklen Ecke der Kapelle malte, doch mit dem Ergebnis seiner Arbeit ganz und gar nicht zufrieden war. Er war so frustriert, dass er beschloss, das, was er aufgetragen hatte, wegzukratzen und von vorne anzufangen. Einer der Arbeiter, der in der Kapelle arbeitete, fragte Michelangelo, warum er über etwas verdrossen sei, von dem kein Mensch je etwas erfahren würde. Der große Künstler antwortete: „... weil ich davon weiß."

Es war die Vision, das größere Bild in seinem Kopf, das ihm die Entschlossenheit und den Antrieb gab, die notwendig waren, um die Details seines großen Werkes mit solcher Konzentration und Hingabe zu vollenden.

Ebenso gab Jesus, als er sich darauf vorbereitete, seine Jünger zu verlassen und zur rechten Hand des Vaters aufzusteigen, seinen Nachfolgern einen Auftrag, der keine Details enthielt, sondern das große Bild beschrieb. Jesus sagte seinen Nachfolgern:

„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28.18-20 LUT84)

Jesus sagte seinen Jüngern nicht, wie sie die Gebäude bauen sollten, in denen sie sich eines Tages versammeln würden. Er bestand nicht darauf, dass sie in ihren Gottesdiensten nur eine bestimmte Art von Liedern singen oder nur bestimmte Musikinstrumente spielen dürften. Jesus bestand nicht darauf, dass sie einzelne Abendmahlskelche anstelle eines gemeinsamen Kelches verwenden sollten. Es gab viele Einzelheiten, die er seinen Jüngern hätte mitteilen können, als er zum letzten Mal auf Erden bei ihnen war. Stattdessen pflanzte er in ihre Herzen das große Bild von allen Völkern weltweit, die seine Jünger werden würden. ∎