Februar 2016

Um unseretwillen in Versuchung geführt

Liebe Freunde und Mitarbeiter,

Die Heilige Schrift berichtet uns, unser Hohepriester Jesus sei „versucht worden [...] in allem wie wir, doch ohne Sünde“ (Hebr 4,15). Diese bedeutungsvolle Wahrheit spiegelt sich in der historischen, christlichen Lehre wider, nach der Jesus mit seiner Menschwerdung gleichsam als Vikar eine Stellvertreterfunktion eingenommen habe.

Das lateinische Wort vicarius bedeutet „als Stellvertreter bzw. Statthalter für jemanden im Einsatz stehen". Mit seiner Fleischwerdung wurde der ewige Sohn Gottes unter Wahrung seiner Göttlichkeit Mensch. Calvin sprach in diesem Zusammenhang vom „wundersamen Tausch“. T.F. Torrance verwendete den Begriff der Stellvertretung: „Mit seiner Fleischwerdung erniedrigte sich der Sohn Gottes, stellte sich an unserer statt und positionierte sich zwischen uns und Gott, den Vater, und nahm damit all unsere Schmach und Verdammnis auf sich -- und dies nicht als dritte Person, sondern als der eine, der Gott selbst ist“ (Atonement [dt.: Sühne], S. 151). In einem seiner Bücher verweist unser Freund Chris Kettler auf „die starke Wechselwirkung zwischen Christi und unserem Menschsein auf der Ebene unseres Daseins, der ontologischen Ebene“, was ich im Folgenden erläutere.

Mit seinem stellvertretenden Menschsein steht Jesus für die ganze Menschheit da. Er ist der zweite Adam, der dem ersten weitaus überlegen ist. Stellvertretend für uns, wurde Jesus an unserer statt -- der Sündlose an Stelle der sündigen Menschheit -- getauft. Unsere Taufe ist somit eine Teilhabe an der seinen. Stellvertretend für uns wurde Jesus gekreuzigt und starb für uns, auf dass wir leben (Röm 6,4). Sodann erfolgte seine Auferstehung aus dem Grabe, mit der er uns zugleich mit sich selbst lebendig machte (Eph 2,4-5). Daran schloss sich seine Himmelfahrt an, mit der er uns im dortigen Reich einen Platz an seiner Seite gab (Eph 2,6; Zürcher Bibel). Alles, was Jesus tat, tat er für uns, an unserer statt. Und dazu gehört auch seine Versuchung stellvertretend für uns.

Ich empfinde es als ermutigend, zu wissen, dass unser Herr sich denselben Versuchungen ausgesetzt sah, wie ich - und ihnen an meiner statt, stellvertretend für mich, widerstand. Sich unseren Versuchungen zu stellen und ihnen zu widerstehen, war einer der Gründe, derentwegen Jesus nach seiner Taufe in die Wüste ging. Auch wenn ihn der Feind dort in die Enge trieb, blieb er standhaft.  Er ist der Überwinder -- stellvertretend für mich, an meiner statt.   Dies zu begreifen macht einen himmelweiten Unterschied!

Neulich schrieb ich über die Krise, die viele hinsichtlich ihrer Identität durchlaufen. Dabei ging ich auf drei nicht hilfreiche Wege ein, über die sich Menschen üblicherweise identifizieren: über ihr Tun, darüber, wie andere sie beurteilen, sowie über ihren Besitz. Es ist interessant festzuhalten, dass die drei Versuchungen, denen sich Jesus in der Wüste ausgesetzt sah, alle mit diesen drei Identifikationsmodellen zu tun hatten.

Es wird Ihnen gegenwärtig sein, dass gemäß der Darstellungen der Evangelien (bei Matthäus und Lukas) über Jesu Versuchung in der Wüste, der Heilige Geist den Herrn dorthin führte, um dort den Anfechtungen des Feindes ausgesetzt zu werden. Jesus stand diesen Versuchungen nicht allein gegenüber. Ihm stand der Heilige Geist zur Seite. Er war nie allein -- wie auch wir nie allein dastehen.

Nach 40 Tagen des Betens und Fastens wurde Jesus vom Feind angesprochen: „Wenn [...]“ Nun, das ist ein großes Wort und ich behaupte einmal, viele unserer eigenen Versuchungen nehmen mit dem Wort „Wenn“ ihren Anfang. „Wenn ich doch nur [...] könnte.“ „Wenn du [...] bist.“ „Wenn es nach dir ginge [...]“ usw. Satan führte Jesus mit den Worten in Versuchung: „Wenn du Gottes Sohn bist [...]“ Damit wollte der Teufel Jesus dazu verleiten, seine wahre Identität in Bezug auf seinen himmlischen Vater in Zweifel zu ziehen -- ihn glauben zu machen, er müsse seine Identität beweisen und auf bestimmte Art handeln, um sich ihrer zu vergewissern.

Auch uns führt Satan auf ähnliche Weise in Versuchung -- indem er unsere Beziehung zu Gott in Frage stellt und uns annehmen lässt, wir müssten aus eigener Kraft unsere Identität als Kinder Gottes unter Beweis stellen. Jesus aber entlarvt die, diesen Versuchungen innewohnenden Lügen, die sich hinter all diesen „Wenns“ verbergen.

Jesu erste Versuchung drehte sich um die falsche Annahme: Ich bin, was ich tue. Satan sprach: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann sag diesen Steinen da, sie sollen zu Brot werden.“ Oder mit anderen Worten: Beweise, dass du wirklich der Sohn Gottes bist. Wollen wir doch mal sehen, ob du tatsächlich übernatürliche Kräfte hast, um dich selbst zu nähren und damit deine Autarkie zu demonstrieren!

Die zweite Versuchung kreiste um die falsche Annahme: Ich bin, was andere über mich sagen. Satan sprach zu Jesus: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze dich hinab und lass dich von den Engeln retten.“ Mit anderen Worten: Beweise, dass du der Sohn Gottes bist, indem sich zeigen wird, ob sich die Engel tatsächlich deinem Gebot unterwerfen, und Augenzeugen sodann bestätigen, wer du bist.

Bei Jesu dritter Versuchung ging es um die falsche Annahme: Ich bin, was ich habe. Satan sprach: „Wenn du Gottes Sohn bist, fall nieder und bete mich an, und ich werde dir alle Reiche der Welt geben.“ Mit anderen Worten: Beweise, dass du der Sohn Gottes bist, indem du über alle Führer der Welt gebietest, wie es sein sollte. Unterwirf dich mir einfach, um von alledem Besitz zu ergreifen.

Jesus durchschaute die falschen Annahmen, die hinter jeder dieser Versuchungen standen. Auf jede entgegnete er: „Es ist eine Lüge!“ Für ihn gab es kein „Wenn ich der Sohn Gottes bin“, sondern vielmehr Weil ICH der Sohn Gottes BIN.“ Er wusste, dass er nichts tun oder besitzen musste, um zu sein, wer er tatsächlich war. Er wusste, wer er war und blieb sich im Vertrauen auf die Treue seines Vaters und seiner Beziehung zu ihm, gewiss. Unter dem Druck der Versuchung oblag es dem Heiligen Geist, der ihn überhaupt erst in die Wüste geführt hatte, ihm dies in Erinnerung zu rufen. In der Gewissheit, wer er war, bedurfte es keines diesbezüglichen Beweises. Er musste nicht gleichsam von Unglauben getragen, unabhängig von seinem Vater handeln, so als vertraue er nicht auf seines Vaters Liebe und Vorsorge.    Torrance erinnert uns, dass Jesus als Sohn Gottes sich nicht um seiner selbst willen der Versuchung stellen und ihr widerstehen musste. In seiner menschlichen Stellvertreterfunktion begegnete und widerstand er ihr an unserer statt. „Um unseretwillen und an unserer statt führte Jesus jenes Stellvertreterleben in äußerstem Vertrauen auf Gott und dessen Gnade und Güte“ (Incarnation [dt.: Fleischwerdung], S. 125). Er tat dies für uns in der klaren Gewissheit, wer er war: der Gottes- und Menschensohn.

Um in unserem Leben den Versuchungen widerstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, wer wir tatsächlich sind. Als durch Gnade errettete Sünder haben wir eine neue Identität: Wir sind Jesu geliebte Brüder und Schwestern, Gottes innig geliebte Kinder. Es ist dies keine Identität, die wir verdienen und sicher keine, die andere uns geben können. Nein, sie ist uns von Gott durch die stellvertretende Menschwerdung seines Sohnes geschenkt. Es bedarf lediglich des Vertrauens auf ihn, der zu sein, der er tatsächlich für uns ist, um von ihm in großer Dankbarkeit diese neue Identität zu erhalten.

Wir schöpfen Kraft aus der Erkenntnis, dass Jesus für uns der Hinterlist von Satans subtilen und doch so wirkungsvollen Versuchungen, hinsichtlich des Wesens und der Quelle unserer wahren Identität, beizukommen wusste. Getragen vom Leben in Christus erkennen wir in der Gewissheit dieser Identität, dass das, was uns in Versuchung zu führen pflegte und uns sündigen ließ, immer schwächer wird. Indem wir uns unsere wahre Identität zu eigen machen und sie in unserem Leben zum Tragen kommen lassen, gewinnen wir Stärke, wissen wir doch, dass sie uns in unserer Beziehung zum dreieinigen Gott innewohnt, der uns, seinen Kindern gegenüber treu und voller Liebe ist.

Wenn wir uns aber unserer wahren Identität nicht sicher sind, werden uns Versuchungen sehr wahrscheinlich zurückwerfen. So zweifeln wir dann womöglich an unserem Christsein oder Gottes bedingungsloser Liebe zu uns. Vielleicht sind wir geneigt allein die Tatsache zu glauben, in Versuchung geführt zu werden, sei gleichbedeutend mit Gottes allmählicher Abkehr von uns. Das Wissen um unsere wahre Identität als Gottes aufrichtig geliebte Kinder, ist ein uns freigebig zuteilwerdendes Geschenk. Wir können uns dank der Erkenntnis in Sicherheit wiegen, weil Jesus mit seiner stellvertretenden Menschwerdung für uns -- an unserer statt -- allen Anfechtungen widerstand. Mit diesem Wissen vermögen wir uns unvermittelt wieder aufzurappeln, wenn wir sündigen (was unvermeidlich ist), notwendige Korrekturen vorzunehmen und darauf zu vertrauen, Gott wird uns voranbringen. Ja, wenn wir unsere Sünden bekennen und der Vergebung Gottes bedürfen, ist dies ein Zeichen dafür, wie Gott weiterhin bedingungslos und treu an unserer Seite steht. Wäre dem nicht so und hätte er uns tatsächlich im Stich gelassen, würden wir uns niemals aus freien Stücken wieder ihm zuwenden, um seine uns freigebig zuteilwerdende Gnade entgegenzunehmen und so dank seiner uns mit offenen Armen begegnenden Annahme Erneuerung erfahren.

Lassen Sie uns unseren Blick Jesus zuwenden, der in jeglicher Beziehung, so wie wir, Anfechtungen ausgesetzt war, ohne jedoch der Sünde anheimzufallen. Lassen Sie uns auf seine Gnade, Liebe und Stärke vertrauen. Und lassen Sie uns Gott loben, weil Jesus Christus mit seiner stellvertretenden Menschwerdung für uns den Sieg davongetragen hat.

Von seiner Gnade und Wahrheit getragen,

Joseph Tkach

Präsident
GRACE COMMUNION INTERNATIONAL


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